Thema der Region
Gemeinsam gegen das marode System
Protesttag der Ärzte: Praxen geschlossenDie Ärzte wollen gegen die Gesundheits- und Honorarreform kämpfen. Beim Ulmer Protesttag organisierten sie sich und machten ihrem Ärger Luft.
VANESSA MANG
Ulm "Wir wollen Stimmungen einholen und Kräfte bündeln. Das Wahljahr werden wir gnadenlos ausnutzen", sagte Dr. Bärbel Grashoff gestern im Ulmer Ratskeller. Die Sprecherin der Ärzteorganisation Medi Ulm/Neu-Ulm hatte zusammen mit Norbert Fischer, Vorsitzender des Ulmer Praxisnetzes, den ersten Ulm/Neu-Ulmer Protesttag organisiert: 127 Ärzte ließen ihre Praxen am Freitag geschlossen.
Etwa 70 Ärzte aus allen Fachgruppen waren zum Protest-Frühschoppen in den Ratskeller gekommen. "Wir müssen uns gemeinsam gegen das marode Gesundheitssystem stellen", sagte Fischer. Er verdeutlichte die Honorarsituation der Ärzte: "Für 35,77 Euro pro Patient im Quartal kann man eigentlich nur noch einen gesunden Patienten behandeln. Und auch der sollte nur einmal kommen." Bärbel Grashoff brachte es auf den Punkt: "Uns wurde die Lebensgrundlage für die Berufsausübung entzogen." Die Kollegen klatschten Beifall.
Die Stimmung im Ratskeller war aufgeheizt, die anwesenden Ärzte waren sich einig, dass etwas passieren muss. "Wir können für Discounthonorare keine Qualitätsleistung bringen", sagte Dr. Hans-Peter Frenzel als Sprecher der Orthopäden. Aber wer soll die Interessen der Ärzte vertreten? Nach Meinung der Anwesenden ist das nicht die kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Im Hinblick auf die Vereinigung in Baden-Württemberg sagte Grashoff: "Da sitzen unsere teuersten und unfähigsten Mitarbeiter."
Die Ulmer Frauenärztin ist sich sicher, dass den Ärzten nichts geschenkt wird, man müsse sich alles erstreiken. Deshalb forderte sie alle "Protestler" im Ratskeller auf, sich zu verbindlich zu organisieren. Dr. Gereon Jacobsen, Hausarzt aus Wiblingen, forderte die Stimmen der Kollegen direkt ein: "Wer fährt mit zur Protestveranstaltung von Medi am 11. März in Stuttgart?" Alle meldeten sich. Die Forderungen nach angemessener Honorierung und mehr Transparenz im Gesundheitssystem gingen alle Ärzte etwas an.
Ebenso herrschte beim Protesttag Einigkeit darüber, dass alle Ärzte an einem Strang ziehen und vor allem auch die Patienten mit ins Boot geholt werden sollen. "Wir müssen Politik in der Praxis betreiben. Die Patienten sollen wissen, wer für das Dilemma verantwortlich ist", sagte Frenzel. Zustimmung fanden die deutlichen Worte von Renate Hartwig von der Initiative "Patient informiert sich". Die kassenärztliche Vereinigung sei kein Rettungsanker, sondern eine Geldschluckanlage. Die Aufforderung von Gesundheitsministern Ulla Schmidt, KVB und Krankenkassen an die Patienten, solche Ärzte zu melden, die nur gegen Bargeld behandeln oder eine Behandlung verweigern, bezeichnete Patientenvertreterin Hartwig als "Stasi-Methoden". Sie will eine Sammelklage von Patienten wegen Veruntreuung von Krankenkassenbeiträgen auf den Weg bringen. Es fließe einfach zu wenig Geld in die ambulante Behandlung.
Die Patienten müssten auf die Straße gehen und so dafür sorgen, dass Ärzte für ihre Leistung ausreichend Geld bekommen. "Wir Patienten wollen, dass die niedergelassenen Ärzte mit ihren Praxen überleben." Hartwig kritisierte, dass bisher nicht alle Ärzte verstanden hätten, dass nur mit genügend Druck ein besseres Ergebnis erzielt werden könne. "Erst wenn die Patienten fragen, was mit ihren Beiträgen passiert, dann sind die Ärzte am Ziel", sagte Hartwig. "Wir müssen uns schlagkräftig organisieren und dann auch zuschlagen", pflichtete ihr Prof. Klaus-Peter Westphal bei.
Erscheinungsdatum: Samstag 14.02.2009
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