Der Wind weist den Weg in die Tiefe
Höhle bei Seißen wird erforscht - Rekordverdächtiger Tropfstein in der Hessenhau-DolineDie Seligengrundhöhle bei Seißen ist nur etwas für geübte Höhlenforscher. Mit Stahlseilleiter oder Kletterseil geht es meist senkrecht nach unten, bis zu einer Tiefe von 65 Metern - und vielleicht noch weiter.
JOACHIM STRIEBEL
Seißen Jetzt hat auch der Blaubeurer Teilort Seißen seine Höhle: Wo bis November 2008 nur eine Felsspalte zu sehen war, aus der manchmal ein Wind wehte, öffnet sich heute eine Höhle, deren Gänge, Schächte und Kammern insgesamt 230 Meter messen. Es gibt sogar eine Halle, die zehn Meter lang, zehn Meter breit und acht Meter hoch ist. Die Höhlenforscher der "Arge Blaukarst" nennen sie "Seißener Halle", worüber sich die stellvertretende Ortsvorsteherin Barbara Rüd beim Vortrag der Forscher in der Mehrzweckhalle sehr freute.
Mit einem Film zeigten die Forscher den rund 300 Zuschauern den Weg nach unten. Die Kamera begleitet Jens Freigang, der zuerst frei klettert, dann an der Stahlseilleiter und sich schließlich am Kletterseil nach unten gleiten lässt. "Fallgrube" heißt ein Schacht in 40 bis 50 Metern Tiefe. Er hat seinen Namen daher, weil den Forschern ein Bohrer, der nicht die anderen Werkzeuge angebunden war, entglitt und in die Tiefe fiel. Wie der Sprecher der "Arge Blaukarst", Dr. Jürgen Bohnert, erklärte, ist unten auch nach 65 Metern noch nicht Schluss, ein Luftzug weist auf eine Fortsetzung hin. Die Forscher hoffen, auf einen horizontalen Gang zu stoßen, um in die hinteren Abschnitte der benachbarten Blauhöhle zu gelangen.
Immer wieder lassen sich die Forscher bei ihrer Suche nach neuen Gängen vom Höhlenwind leiten. Bei der so genannten thermischen Bewetterung zieht die Höhle im Winter am unteren Eingang Kaltluft an und gibt diese erwärmt am oberen Ausgang ab - was manchmal daran zu erkennen ist, dass an bestimmten Stellen der Albhochfläche der Schnee nicht liegen bleibt. Im Sommer funktionierts umgekehrt: Warmluft von oben wird in der Höhle gekühlt und tritt unten aus.
Eine Besonderheit stellt die ebenfalls von der "Arge Blaukarst" erforschte Hessenhau-Doline bei Berghülen dar, sie reagiert vor allem auf Änderungen des Luftdrucks - ebenfalls ein Hinweis auf große Hohlräume. Auch die Hessenhau-Doline, eine trichterförmige Öffnung, verdient längst die Bezeichnung Höhle, immerhin ist sie 54 Meter tief und weist größere Kammern auf. Dass diese sehr alt sind, hat jetzt die Untersuchung eines Tropfsteins ergeben: Der Experte Prof. Augusto Mangini hat ein Mindestalter von 400 000 Jahren ermittelt. Es handelt sich um den ältesten bisher untersuchten Tropfstein aus dem Blautopf-Einzugsgebiet.
Erscheinungsdatum: Samstag 16.05.2009
Diesen Artikel bei swp.de lesen