Ulm hat einen Platz in meinem Herzen
Jarvis Walkers Erinnerungen an die denkwürdigen Play-offs von 1998 - Sektflasche von Bamberg als Souvenir

Er hat den Ulmer Basketball geprägt wie seitdem kein Spieler mehr: Jarvis Walker - eine Legende. Vor zehn Jahren stand letztmals ein Ulmer Team in den Play-offs - mit dem Ballzauberer. Ein Telefongespräch über bewegende Erinnerungen.

KLAUS VESTEWIG

Jarvis, schön Sie zu erreichen. Wie gehts Ihnen? Sind Sie in den USA dem Basketball noch verbunden?
 
JARVIS WALKER: Mir gehts in Michigan gut. Ich spiele immer noch Basketball, aber nur zur Erholung. Meine beiden Töchter spielen auch, die sind richtig gut. Sie spielen beide in ihren Schul-Teams. Meine Frau Danielle coacht ein Highschool-Team, und ich helfe bei einem anderen mit dem Coachen.
 
Wie alt sind Ihre drei Kinder?
 
WALKER: Jasmin ist zwölf, Jordan zehn und Jarvis sieben. Sie werfen oft auf den Basketball-Korb vor dem Haus. Ich treffe mit 42 noch ganz gut, mit dem Dribbeln klappt es auch noch, auch wenn ich jetzt 99 Kilo wiege. In Ulm waren es 87.
 
Hat Ihr Beruf denn etwas mit Basketball zu tun?
 
WALKER: Nein, überhaupt nicht. Ich arbeite in einer Chemiefabrik. Wir leben in Muskegon, das ist eine Vorstadt mit rund 40 000 Einwohnern. Der Lake Michigan ist nur zwei Meilen entfernt.
 
Verfolgen Sie denn noch, was sich im Ulmer Basketball tut, zum Beispiel, dass es die Mannschaft als Fünfter in die Play-Offs geschafft hat und dass sie jetzt gegen Bonn spielt?
 
WALKER: Ich habe versucht, das mit meiner Frau im Internet zu checken, aber ich konnte nichts finden. Gegen Bonn ist das doch nicht schlecht, da sind die Ulmer die Außenseiter. Da erwarten die Leute nichts, man hat nichts zu verlieren.
 
Haben Sie denn noch Kontakt mit Ihren ehemaligen Mitspielern?
 
WALKER: Mit Tom Norwood habe ich ein paar Mal am Telefon gesprochen. Die Frau von Calvin Oldham haben wir einmal in den Staaten getroffen. Von Mike Knörr und Gary von Waaden habe ich nichts gehört.
 
Erinnern Sie sich noch, wie von Waaden im Pokalfinale gegen Leverkusen 1996 in der Schlusssekunde den entscheidenden Wurf gemacht hat?
 
WALKER: Ja, klar. Als ich ihm den Ball zugepasst habe, ging alles wie in Zeitlupe. Eigentlich sollte Bo Dukes zu mir passen, aber dann hatte plötzlich ich den Ball. Da habe ich Gary links gesehen. Und ich habe gedacht: Yeah, der geht rein. Ich war so glücklich, ich wollte Leverkusen immer mal schlagen, das war Historie. Vor allem, weil wir die beiden Pokalfinals davor verloren hatten.
 
1998 war in der Meisterschaft ein besonderes Jahr. Sie haben im Viertelfinale mit 3:1 gegen Bonn und im Halbfinale in denkwürdigen Duellen mit 3:2 gegen Bamberg gewonnen. Erst im Finale war dann beim 0:3 gegen Alba Berlin Endstation.
 
WALKER: Das sind tolle Erinnerungen. Wir hatten T-Shirts mit den drei Bs: Bonn, Bamberg, Berlin. Eine Sektflasche von Bamberg habe ich immer noch. Da haben alle drauf unterschrieben, auch Tim Nees, Adrian Autry und Christian Ast. Alba hätten wir dann nur mit perfekten Spielen schlagen können, das war natürlich enttäuschend.
 
Und die Derbys gegen Elchingen?
 
WALKER: Auch die Derbys mit all der Rivalität waren super. Und an den Saporta-Cup habe ich auch tolle Erinnerungen. Als namenloses Team haben wir plötzlich auf europäischer Ebene gewonnen. Das hat Spaß gemacht, es war einfach eine großartige Zeit. Und wir hatten mit Brad Dean, Charles Barton und Peter Krüsmann sehr gute Trainer.
 
Was war die Stärke Ihres Teams?
 
WALKER: Wir hatten Stolz, und wir haben als Team zusammengespielt. Wir waren uns nahe, und wir haben viele Dinge zusammengemacht. Das war der Schlüssel gegen die Mannschaften mit großem Etat.
 
Denken Sie oft an die Zeit zurück?
 
WALKER: Jeden Juli habe ich das am meisten vermisst: wieder rüber zu fliegen und das Team für die Saison aufzubauen. Und im September hat dann die Runde angefangen. Ich habe das geliebt.
 
Ihr letztes Kapitel in Ulm als Spielertrainer war dann mit dem Abstieg enttäuschend. Bedauern Sie, dass Ihnen kein besserer Abschied in Ulm vergönnt war?
 
WALKER: Mit drei Trainern in einer Saison war das schwierig. Da waren zu viele unterschiedliche Philosophien. Wir hatten am Ende nicht genug Talent, und außerdem hatten wir in den Jahren davor Stolz. Aber ein Abschiedsspiel in Ulm wäre schon schön gewesen.
 
Haben Sie denn noch ein Trikot mit Ihrer Nummer 4?
 
WALKER: Ich habe vier davon. Das Witzige ist: Meine Kinder haben auch meistens die Nummer 4 oder 04, auch im Fußball. Weil sie das immer auf den Fotos von mir sehen.
 
Insgesamt: Was bedeutet für Sie das Kapitel Ulm in Ihrem Leben?
 
WALKER: Ulm war sehr wichtig für mich. Die Stadt hat immer noch einen Platz in meinem Herzen. Ich habe eine Menge besonderer Leute kennengelernt, die alle einen tollen Job gemacht haben, angefangen von Karl Seitz bis zu all den anderen, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Ich hätte allerdings mehr Deutsch lernen sollen.
 
Sie waren elf Jahre in Ulm. Bei einer richtig guten Mannschaft hätten Sie mehr Meisterschaften gewinnen können. Bereuen Sie im nachhinein, dass Sie nicht gewechselt haben?
 
WALKER: Nein, überhaupt nicht. Ich habe Ulm geliebt, Ulm war gut zu mir. Manche Spieler gehen von Team zu Team. Ich aber hatte in Ulm meine Chance. Ich liebe die Zeit, die ich dort verbracht habe. Ich drücke der Mannschaft jetzt in den Play-offs ganz fest die Daumen.
 
Angenommen, Ulm würde sensationellerweise ins Finale kommen. Würden Sie dann herfliegen?
 
WALKER: Ich wünschte ich könnte das. Ich war seit 2001 nicht in Deutschland. Wenn meine Kids die Fotos anschauen, dann rufen Sie immer: Daddy, wir wollen dort hin! Ich komme sicher mal zum Weihnachtsmarkt zurück. Meine Mutter war mal da, der hat das so gefallen. Das sind schöne Erinnerungen.
 
Auch an Ihr schwäbisches Lieblingsessen?
 
WALKER: Oh ja, Rinderroulade mit Spätzle bei Bembe. Und ja, ich vermisse den Leberkäs so sehr. In Ulm war ich viel gesünder als jetzt.
 
Alles Gute für Sie und Ihre Familie!
 




Erscheinungsdatum: Donnerstag 14.05.2009

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