MUSIK / 20 Jahre Kammerorchester Ulmer StudentenEffektvolle Farben beim Gefühlsinferno
Großes Jubiläumskonzert im Kornhaus - Pianist Michael Grau beeindruckte mit ChopinEin Jubliäumskonzert muss sich von anderen Konzerten unterscheiden. Also zog das Kammerorchester Ulmer Studenten diesmal ins größere Kornhaus statt ins Stadthaus, studierte ein besonders exklusives Programm ein und warf sich in festliche Schale. Ein toller Geburtstag.
SUSANNE RUDOLPH
Die Damen musizierten im langen Abendkleid, die Herren im dunklen Anzug. Richtig schön anzusehen. Und im fast vollen Kornhaus breitete sich unter den zahlreichen Kommilitonen, langjährigen Fans und Professoren eine erwartungsvolle Spannung aus. Manche Erinnerungen flogen einen an, aufgefrischt vom sympathisch persönlichen Rückblick des Bratschisten Christoph Bühler im Programmheft, der mit dem Klarinettisten Norbert Bald zu den letzten zwei noch mitwirkenden Gründungsmitgliedern zählt. Was haben sie in 20 Jahren nicht alles geleistet, diese jungen angehenden oder ausgebildeten Ärzte und Naturwissenschaftler des Kammerorchesters Ulmer Studenten (KUS), die "nebenbei" noch musizieren: 115 Konzerte mit 131 verschiedenen Werken von 70 alten und zeitgenössischen Komponisten gaben sie seit 1987, spielten neben Mozart, Haydn und Mendelssohn-Bartholdy auch oft unbekannte Komponisten und wagten sich später sogar an Bruckners Vierte, Dvoraks Neunte oder Tschaikowskys Pathetique - und siehe da, vieles gelang staunenswert.
Finanzielle Turbulenzen der ersten Jahre überstanden sie dank ihrer organisatorischen und musikalischen Überzeugungskraft bravourös. Die wechselnden Dirigenten - man erinnere sich nur an Michael Wieder, Sebastian Tewinkel oder Martin Lukas Meister - hatten durchweg Format und verstanden es, die Musiker bei Laune zu halten und im Niveau zu heben. Und die Solisten waren nicht selten Entdeckungen, denen man später im Radio begegnete. Zusammenfassend kann die Rezensentin sagen: Immer verließ sie die KUS-Konzerte mit dem frohen Gefühl, dass es so schlecht um den Klassikmarkt und das Interesse der Jugend nicht bestellt sein könne, wenn so engagiert musiziert und so begeistert zugehört wird.
Dennoch, es sei gestanden, sah sie nun der gewaltigen Symphonie fantastique von Hector Berlioz, an der sich selbst professionelle Orchester die Zähne ausbeißen können, mit einiger Besorgnis entgegen. Wie sollte ein Liebhaberorchester dieses in glühende Musik gefasste Gefühlsinferno eines leidenschaftlich verliebten und opiumvernebelten Künstlers auch nur annähernd bewältigen?
Feuriger Zugriff
Doch vor der Antwort wurde man vom fulminanten und feurig-pointierten Zugriff des knapp 19-jährigen Pianisten Michael Grau auf Chopins e-Moll-Klavierkonzert überwältigt. Gewiss, Graus technische Brillanz und großräumige Gestaltung sind noch ausbaufähig, aber wer Chopins lyrische Passagen in diesem Alter so "con espressione", so atmend und leuchtend beseelen kann, der muss sich nicht in jedem Takt beweisen - zumal Gordian Teupke, der scheidende KUS-Dirigent, mit seiner stürmisch bewegten Orchestereinleitung den Boden bereitet hatte für manche Koordinationsprobleme. Ein starker Auftritt des jungen Pianisten, heftig beklatscht und mit Schumanns zart schwebendem Fantasiestück "Des Abends" bestätigt, ungeachtet eines Gedächtnisaussetzers.
Und Berlioz? Nun, Gordian Teupke machte aus den autobiografischen "Episoden aus dem Leben eines Künstlers" ein drastisch-realistisches symphonisches Theater. Malte die Berliozschen Tollkühnheiten, die Mendelssohn einst "unbeschreiblich eklig" fand, in grellen Farben, ließ von Anfang an keinen Zweifel am grausigen Ende der Geliebten und peitschte seine hochmotivierten Musiker von einem instrumentalen Effekt zum anderen. Schaurig brutal der Marsch in der Hinrichtungsszene im 4. Satz, grotesk verzerrt und eruptiv der Horror-Hexensabbat im Finalsatz. Dennoch hatte Teupke das Chaos in rhythmisch straff ordnender Hand.
Dass er auch träumen kann, zeigte die Zugabe: Faurés Prelude aus "Pelleas et Melisande". Kompliment! Und die besten Wünsche dem KUS für die nächsten 20 Jahre.
Erscheinungsdatum: Montag 21.01.2008
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