Er ist ganz Mensch, wenn er spielt
Lehrer und Vollblutmusiker: Erich Sittinger wird heute 65 Jahre altErich Sittinger habe eine "sonderbare und unbemerkenswerte Vita", hieß es in einem biografischen Abriss zum 50-jährige Organsistenjubiläum des Lehrers, Chorleiters, Musikers. Heute wird Sittinger 65.
MICHAEL WEBER-SCHWARZ
Bad Mergentheim So "unbemerkenswert" wie der Orgeljubiläums-Biograph damals tiefstapelte, kann Erich Sittingers Leben aber nicht sein. Allein, wer in den Kirchen der Region über die Jahrzehnte an die 13000 Messen musikalisch begleitet hat, der hat schon in diesem Punkt Bemerkenswertes geleistet. Und anstatt "sonderbar" könnte man Sittingers Lebensweg vielleicht etwas präziser als "merkwürdig" bezeichnen - im Sinne von "zu-merken-würdig".
Ein Zeitsprung an den Anfang: Der junge Erich (erste Berufswünsche: Gastronom, Metzger, Förster oder vielleicht auch alles gleichzeitig) wird auf Anraten des Pfarrers das heimische Goldbach bei Aschaffenburg verlassen und ins Studienseminar nach Bad Königshofen ziehen. Das "Kilianeum" galt damals als Priesterschmiede. Erich Sittinger widmet sich hier dem Kirchenlied, später in der Tat der Theologie - bis er seine spätere Ehefrau trifft. Das Ende des Priesters Sittinger. Der Kirchenorgel blieb er bis heute treu. Religion und Französisch werden Erich Sittingers Haupt-Unterrichtsfächer an Schulen in Bad Mergentheim und Weikersheim. Seine Musik-Liebe streut er breiter: Zum Schulunterricht kommen Chorleiter-Verpflichtungen in Wachbach, Weikersheim und Mulfingen.
Seit 33 Jahren schlägt er zudem die "Königin der Instrumente" in Caritas, Kapuzinerkirche und in der katholischen Kirche in Weikersheim. Und die Orgel schlagen, das darf man bei Sittinger wörtlich nehmen - er kann, wenn es ihn treibt, wie ein ganzes Wagner-Orchester.
Apropos Richard Wagner. Legendär ist seinen Gymnasiums-Schülern ein Zelluloidstreifen, auf dem Sittinger höchstselbst den Wotan singt, gewandet in ein wildes Kostüm. Und wenn man ihn ein bisschen bat, dann sang er auch schon mal Paul Ankas "Stay by me Diana!" - mit Schwerpunkt auf dem langen "Oooh..." zu Beginn des Refrains. Momentan ist Erich Sittinger dienstältester Lehrer am Weikersheimer Gymnasium. Noch bis 30. Juli muss er unterrichten. Er selbst würde eher "darf" sagen, denn er ist gerne Lehrer und vor dem Aufhören ist ihm durchaus ein wenig bange.
Er ist eine schillernde Person, "der Sittinger", humorvoll, witzig, mitunter ein wenig geheimnisvoll. Wovon wenige wissen: Bei den Bad Mergentheimer Schlaraffen ist er der "Ritter Präludix". In dem ritterlich-spielerischen Männerbund im Zeichen der Eule sind die Themen Frauen, Religion und Politik tabu. Dafür darf er im Schlaraffen-Reych "Zu den Teutschherren" singen und "clavicymbeln" (wie die Schlaraffen das Klavierspielen nennen).
Und obwohl er nach eigenem Bekunden das Leben nicht leicht nimmt, sich als gläubiger Mensch zum Christentum bekennt - "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt". Das Schiller-Wort aus den Briefen über Ästhetik mag für Sittinger ganz besonders gelten. Er spielt Musik, den Edelmann und wäre (ein weiterer Berufswunsch) auch gern Schauspieler geworden. Ja - selbst wenn er schreibt, dann spielt er gerne. Seit 1976 verfasst er Konzertbesprechungen für diese Zeitung, hat so unzähligen Lesern die klassische Musik von der Wortseite her vermittelt. Dabei perlt er hin und wieder mit Binnenalliterationen, als würde er an der Orgel sitzen und nicht vorm Papierbogen.
Am heutigen Samstag wird "es", wie er bescheiden kürzelt, 65 Jahre alt. Wir gratulieren!
Erscheinungsdatum: Samstag 14.03.2009
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